Ein Tag mit Paul – Leben mit ADHS
Was bedeutet es, mit einem Kind zu leben, das ADHS hat?
Paul ist acht Jahre alt – klug, kreativ und voller Energie. Doch sein Alltag ist geprägt von Ablenkung, Wutanfällen, Vergesslichkeit und Gefühlsausbrüchen. Für seine Eltern und Lehrkräfte ist das oft herausfordernd – für Paul selbst auch. Dieses Fallbeispiel zeigt, wie ADHS den Tagesablauf eines Kindes beeinflussen kann – und warum Verständnis wichtiger ist als Strenge.
Ein Fallbeispiel zur Veranschaulichung
07:00 Uhr morgens: Paul, 8 Jahre alt, soll aufstehen. Der Wecker klingelt zum dritten Mal. Paul liegt noch im Bett – nicht, weil er faul ist, sondern weil seine Gedanken ganz woanders sind. Vielleicht beim gestrigen YouTube-Video oder bei einem Legobau in seinem Kopf. Seine Gedanken fliegen – wie so oft.
07:20 Uhr: Mit Mühe steht Paul auf. Das Anziehen dauert ewig. Er hat die Hose in der Hand – plötzlich entdeckt er sein Lieblingsauto. Zehn Minuten später steht er noch immer im Schlafanzug.
08:00 Uhr: Frühstück mit der Familie. Paul hampelt, wackelt, redet viel. Dann kippt das Milchglas um. Seine Schwester ruft: „Nicht schon wieder, Paul!“ Paul wird laut, rennt in sein Zimmer, knallt die Tür. Die erste Überforderung des Tages.
08:30 Uhr – Schulstart: Paul ruft dazwischen, verlässt den Platz, kritzelt. Er weiß oft die richtige Antwort – doch sein Impuls kommt ihm zuvor. Die Lehrkraft bemüht sich, ist aber erschöpft. Paul auch – obwohl das kaum jemand sieht.
13:00 Uhr – Zuhause: Nach der Schule ist Paul wie ein Vulkan. Alles, was er zurückgehalten hat, bricht heraus: Wut, Tränen, Lautstärke. Hausaufgaben? Unmöglich. Noch nicht.
15:00 Uhr: Nach einer Pause kann Paul langsam wieder „landen“. Er malt ein Bild – versunken, konzentriert, kreativ. So wie oft – wenn der Rahmen passt.
20:00 Uhr – Schlafenszeit: Paul ist noch wach. Gedanken kreisen. Der Tag war intensiv – für ihn, und für alle um ihn herum.
Was zeigt dieses Beispiel?
Paul ist nicht böse, nicht faul, nicht ungezogen. Paul hat ADHS – Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Das bedeutet: Sein Gehirn verarbeitet Reize anders. Aufmerksamkeit, Impulssteuerung und Selbstregulation fallen ihm schwerer als anderen Kindern.
Typische Merkmale:
- Unaufmerksamkeit – leicht ablenkbar, verliert Fokus
- Hyperaktivität – motorische Unruhe, ständiger Bewegungsdrang
- Impulsivität – reagiert plötzlich, ohne nachzudenken
ADHS ist dabei sehr individuell: Es gibt „Träumer:innen“, energiegeladene Kinder – oder beides zugleich.
Warum ist dieses Wissen wichtig?
ADHS ist keine Erziehungsfrage. Es ist eine neurobiologische Besonderheit. Kinder wie Paul brauchen keine ständigen Ermahnungen – sie brauchen Verständnis, Struktur und gezielte Unterstützung.
Und sie haben viele Stärken:
- Kreativität
- Spontane Ideen
- Humor
- Einfühlungsvermögen
- Begeisterungsfähigkeit
Fazit: Wenn wir Kinder wie Paul verstehen, können wir ihnen helfen, ihren Platz in der Welt zu finden – mit all ihren besonderen Facetten.