Veränderungen machen mich durcheinander
Ich bin Linus – und Veränderungen machen mich durcheinander
Heute war eigentlich alles wie immer.
Ich bin aufgestanden.
Ich habe mich angezogen.
Ich habe gefrühstückt.
Ich bin mit Mama zur Schule gegangen.
Auf dem Weg habe ich gedacht, dass der Tag okay werden könnte.
Nicht besonders leicht.
Aber auch nicht besonders schwer.
So mag ich es.
Wenn Dinge normal sind.
Wenn ich weiß, was kommt.
Wenn mein Kopf sich nicht auf zu viele neue Sachen einstellen muss.
Als ich in meinen Klassenraum kam, hing mein Rucksack wie immer an meinem Haken. Frau Berger stand vorne. Mia war schon da. Ben auch. Alles sah normal aus.
Ich setzte mich hin und legte meine Federtasche ordentlich auf den Tisch.
Das mochte ich.
Ordnung hilft mir.
Dann fühlt sich in meinem Kopf auch mehr geordnet an.
„Guten Morgen, Kinder“, sagte Frau Berger.
„Guten Morgen“, sagten einige.
Ich sagte es leise mit.
Dann lächelte Frau Berger und sagte:
„Ich habe eine Überraschung für euch. Heute ist alles ein bisschen anders.“
In meinem Bauch wurde es sofort komisch.
Anders.
Ich mag dieses Wort nicht immer.
Manchmal kann anders schön sein.
Aber meistens brauche ich vorher Zeit, um mich darauf einzustellen.
„Unsere Klasse bekommt heute Besuch“, sagte Frau Berger. „Und wir machen später keinen normalen Matheunterricht, sondern ein gemeinsames Projekt.“
Ein paar Kinder freuten sich sofort.
„Jaa!“, rief Ben.
„Cool!“, sagte Mia.
Ich sagte nichts.
In meinem Kopf fing es schon an zu arbeiten.
Wer kommt zu Besuch?
Wann genau?
Wie viele Menschen?
Wo sitzen sie?
Was ist das für ein Projekt?
Wie lange dauert es?
Was passiert statt Mathe?
Was passiert nach dem Projekt?
Wann ist Pause?
Bleibt der Rest des Tages auch anders?
Es waren plötzlich viel zu viele Fragen auf einmal.
Ich merkte, wie mein Bauch fester wurde.
Frau Neumann, meine Schulbegleiterin, sah mich an. Sie kennt mein Gesicht schon gut. Sie merkt oft, wenn bei mir innen etwas unruhig wird, bevor ich selbst genau weiß, was los ist.
Sie kam leise zu mir.
„Ist das gerade viel für dich?“, fragte sie leise.
Ich nickte.
„Was ist das Schwierigste?“, fragte sie.
Ich schaute auf meinen Tisch.
„Dass ich nicht weiß, wie es wird.“
Sie nickte. „Verstehe ich.“
Dann nahm sie ein kleines Blatt Papier und einen Stift.
„Dann machen wir es sichtbarer“, sagte sie.
Sichtbarer ist gut.
Wenn etwas nur in meinem Kopf herumfliegt, wird es schnell zu groß.
Wenn ich es sehen kann, wird es oft kleiner.
Frau Neumann schrieb mit:
1. Morgenkreis
2. Besuch kommt
3. Projekt machen
4. Pause
5. Deutsch
6. Schulschluss
Sie legte den Zettel neben meine Federtasche.
„So weit wissen wir es schon“, sagte sie.
„Und wenn sich noch etwas ändert, schreiben wir es dazu.“
Ich las die Liste.
Noch immer war nicht alles gut.
Aber es war besser.
Jetzt war das Anders nicht mehr ganz so riesig.
„Wer kommt denn?“, fragte ich.
„Eine Frau aus der Bücherei“, sagte Frau Berger gerade vorne für alle. „Sie bringt uns neue Kinderbücher mit und liest uns etwas vor.“
Einige Kinder klatschten.
Ich nicht.
Vorlesen war eigentlich okay.
Aber Besuch im Raum bedeutete auch neue Stimme, neue Gerüche, neue Bewegungen. Vielleicht setzt sich die Frau auf meinen Platz. Vielleicht spricht sie sehr laut. Vielleicht sollen wir alle im Kreis sitzen. Vielleicht soll ich etwas sagen.
Mein Kopf ging schon wieder los.
„Eins nach dem anderen“, sagte Frau Neumann leise.
Ich schaute auf den Zettel.
Morgenkreis.
Dann Besuch.
Nur der nächste Schritt.
Nicht gleich der ganze Tag.
Das half.
Im Morgenkreis setzte ich mich trotzdem etwas weiter außen hin. So konnte ich besser sehen, wer wo sitzt. Ich mag es, wenn ich einen Überblick habe.
Dann klopfte es an der Tür.
Sofort erschrak ich.
Alle schauten hin.
Eine Frau mit kurzen Haaren und einer großen Stofftasche kam herein. Sie lächelte freundlich.
„Guten Morgen, ich bin Frau Sommer von der Stadtbibliothek.“
Ihre Stimme war zum Glück nicht schrill. Eher warm. Das war gut.
Trotzdem war mein Herz schneller.
Frau Sommer stellte ihre Tasche ab. Dann holte sie Bücher heraus. Große, kleine, bunte, dicke.
Die anderen Kinder rückten nach vorne. Einige redeten durcheinander.
„Oh, das kenne ich!“
„Zeigen Sie mal das mit dem Hund!“
„Ich will das grüne Buch!“
Mir wurde es schon wieder zu viel.
Nicht, weil etwas Schlimmes passierte.
Sondern weil zu viel gleichzeitig passierte.
Zu viele Stimmen.
Zu viele neue Eindrücke.
Zu viel Bewegung.
Ich merkte: Meine Ampel war gelb.
Noch nicht rot.
Aber deutlich gelb.
Ich griff in meine Tasche und drückte meinen Mutstein.
Das hatte ich geübt.
Nicht erst warten, bis alles zu viel wird.
Schon vorher merken, wenn es gelb ist.
„Gut gesehen“, flüsterte Frau Neumann, als sie meine Hand mit dem Stein sah.
Ich sagte nichts.
Aber ich war ein kleines bisschen stolz.
Frau Sommer zeigte ein Buch mit einem Fuchs auf dem Cover. „Heute habe ich eine Geschichte über einen kleinen Fuchs mitgebracht, der Veränderungen gar nicht mag.“
Ein paar Kinder lachten.
Ich nicht.
Ich dachte nur: Den Fuchs verstehe ich.
Während Frau Sommer vorlas, wurde es ruhiger. Das mochte ich. Geschichten helfen mir oft. In Geschichten ist etwas geordnet. Erst passiert das eine. Dann das andere.
Das ist besser als ein Tag, der einfach plötzlich anders ist.
Als die Geschichte zu Ende war, sagte Frau Sommer:
„Jetzt dürft ihr euch in Gruppen ein eigenes kleines Bilderbuch ausdenken.“
Gruppen.
Ich spürte sofort wieder das Gelb in mir.
Gruppen sind schwierig.
Dann reden mehrere Kinder auf einmal.
Jeder hat Ideen.
Jemand will malen.
Jemand will schreiben.
Jemand entscheidet einfach.
Und ich weiß manchmal nicht, wann ich etwas sagen soll.
„Ich will mit Mia!“, rief Ben.
„Ich auch!“, sagte Mia.
„Dann seid ihr zusammen mit Linus“, sagte Frau Berger.
Mein Bauch machte sofort einen Sprung.
Mit Mia war okay.
Mit Ben manchmal auch.
Aber trotzdem.
Gruppe war Gruppe.
Frau Neumann merkte es.
„Was brauchst du, damit die Gruppe klappt?“, fragte sie leise.
Ich überlegte.
Dann sagte ich: „Einen Plan.“
Sie nickte. „Sehr gute Idee.“
Also nahm sie ein Blatt und schrieb:
Unser Buch
- Mia malt
- Ben denkt sich den Titel aus
- Linus ordnet die Seiten
- Zusammen entscheiden wir die Geschichte
Das Blatt legte sie in die Mitte unseres Tisches.
Plötzlich war die Gruppe nicht mehr ganz so wirr.
„Ich kann den Titel machen“, sagte Ben.
„Ich male den Fuchs“, sagte Mia.
Ich sagte: „Ich kann sagen, welche Seite zuerst kommt.“
„Perfekt“, sagte Frau Neumann.
Wir fingen an.
Am Anfang redeten Mia und Ben noch etwas zu durcheinander. Das mochte ich nicht. Aber dann zeigte ich auf den Zettel.
„Erst Titel“, sagte ich.
„Dann Bild.“
„Stimmt“, sagte Mia.
Ben grinste. „Linus ist heute unser Reihenfolge-Chef.“
Normalerweise hätte ich vielleicht nichts dazu gesagt.
Aber diesmal fühlte sich das gar nicht schlecht an.
Reihenfolge-Chef.
Ja.
Das konnte ich gut.
Ich sah, welche Seite zuerst kommen musste und welche danach. Ich merkte, wenn etwas nicht zusammenpasste. Ich ordnete die Blätter ordentlich untereinander.
„So ist es besser“, sagte ich.
„Ja“, sagte Mia. „Jetzt ergibt es Sinn.“
Das fühlte sich gut an.
Nicht nur, weil ich mitgemacht habe.
Sondern weil etwas, das für andere vielleicht unwichtig ist, für unsere Gruppe plötzlich wichtig war.
Als wir fertig waren, durfte jede Gruppe ihr kleines Buch zeigen.
Ich mag es nicht besonders, vorne zu stehen.
Darum stellte sich Mia nach vorne. Ben hielt das Buch. Und ich blieb etwas seitlich neben dem Tisch stehen.
Das war abgesprochen.
Auch das half.
Mia zeigte die Bilder.
Ben las den Titel vor:
„Der Fuchs, der lieber Pläne mochte.“
Ein paar Kinder lachten freundlich.
Ich auch ein kleines bisschen.
Frau Sommer sagte:
„Das ist eine wunderbare Idee. Vor allem gefällt mir, dass der Fuchs in eurer Geschichte nicht falsch ist, nur weil er Veränderungen schwer findet.“
Als sie das sagte, schaute ich kurz auf.
Nicht falsch.
Diese zwei Worte blieben in meinem Kopf.
Später, als der Besuch vorbei war und wir doch noch ein bisschen Deutsch machten, fühlte sich mein Körper müde an.
Veränderungen machen mich müde.
Auch wenn sie am Ende gut laufen.
Auch wenn niemand gemein war.
Auch wenn etwas Schönes daraus entsteht.
Es kostet Kraft, wenn mein Kopf sich immer wieder neu sortieren muss.
Nach der Schule fragte Mama:
„Und, wie war dein Tag?“
Ich dachte kurz nach.
„Anders“, sagte ich.
Mama wartete.
Dann sagte ich:
„Aber nicht nur schlecht.“
Zu Hause dachte ich noch einmal an den Tag.
Früher dachte ich oft: Wenn mich Veränderungen durcheinanderbringen, bin ich komisch.
Aber das stimmt nicht.
Ich brauche einfach mehr Zeit.
Mehr Überblick.
Mehr Klarheit.
Mehr kleine Schritte.
Dann kann ich vieles schaffen.
Nicht alles sofort.
Nicht alles leicht.
Aber mehr, als andere vielleicht denken.
Ich bin Linus.
Und Veränderungen machen mich manchmal durcheinander.
Aber wenn ich weiß, was kommt, wenn jemand mir zuhört und wenn ich einen Plan sehen kann, dann wird aus dem großen Anders manchmal etwas, das ich doch schaffen kann.